Mittwoch, 30. Mai 2012

Grundrechte


„Irgendwann wird man die Daten wahrscheinlich schon brauchen können“ scheint das Motto zu sein, unter dem der österreichische Staat seit 1. April massiv in die Grundrechte seiner Bürger eingreift.
Es geht um die österreichische Vorratsdatenspeicherung, die alpenländische Variante der Umsetzung einer EU-Richtlinie. Besonders deutlich angemerkt sei hier angemerkt, dass sich Deutschland dafür entschieden hat, der Brüsseler Vorgabe NICHT Folge zu leisten!
Keine der verantwortlichen österreichischen Politikerinnen (Justizministerin, Innenministerin) rührt auch nur den kleinsten Finger, um das Unerträgliche zu korrigieren.
Die selbstgefällige Machtgewissheit der Großen Koalition ignoriert sämtliche qualifizierten Kritiker. Dass sich ÖRAK-Präsident Wolff (siehe ANWALT AKTUELL April) vehement gegen die Vorratsdatenspeicherung ausspricht scheint die politischen Akteure ebensowenig zu beeindrucken wie die äußerst kritische Würdigung der Angelegenheit durch den Salzburger Universitätsprofessor Walter Berka.
Beim 18. Österreichischen Juristentag warnte Berka mit seinem Statement „Das Grundrecht auf Datenschutz im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit“ vor der „österreichischen Variante“ der EU-Richtlinien-Umsetzung.
Laut Berka sei das Datenschutzrecht in der Krise, was das Grundrecht auf den Schutz aller personenbezogenen Daten schwäche. Er spricht von einer defizitären Ausgestaltung des Rechtsschutzes der Menschen, deren Telefon- und Internetdaten ohne konkreten Anlass für die Dauer von sechs Monaten gespeichert und von Polizei und Justiz abgerufen werden können.
Seinen Bedenken ist nichts hinzuzufügen.

Dietmar Dworschak

Montag, 21. Mai 2012

Rechtsanwaltswerbung = Schlafmittel


Das Verhältnis zwischen Rechtsanwälten und Werbung ist, vorsichtig gesagt: schwierig.
Da gibt es einmal die ganz große Gruppe jener, die im Brustton der Überzeugung sagen:
„So was brauch ich nicht!“ Das sind eher die älteren Semester, bei denen man sich wundert, wie sie überhaupt Zugang zum elektronischen Rechtsverkehr finden.
Die nächste – ebenfalls nicht kleine – Gruppe ist der Meinung: Rechtsanwälte dürfen nicht werben! Dass dies seit fast eineinhalb Jahrzehnten eine Fehlmeinung ist, hat sich in diese Kanzleien noch nicht durchgesprochen.
Dann aber, wenn sich der Advokat/die Anwältin so richtig ins Zeug legt und mutig eine Homepage fertigen lässt, beginnt in 80 Prozent der Fälle das Drama.
Nicht Ideen und Wagemut sind gefragt.
Die Hauptkriterien der anwaltlichen Auftraggeber scheinen zu lauten:
Unauffälligkeit, Unverständlichkeit, Farblosigkeit.
Was man kreuz und quer durchs Land hier an Auftritten zu sehen bekommt würde jeden anderen Berufsstand in die Pleite oder an den Rand der Lächerlichkeit bringen.
Angesichts der täglich größer werdenden Konkurrenz ist das schon erstaunlich.

Dietmar Dworschak

Mittwoch, 9. Mai 2012

Rumpelstilzchen reloaded!


Vor ein paar Jahren bin ich, beim Lesen irgendeiner Lokalnachricht auf orf-online, zu so genannten „Leser-Reaktionen“ gestoßen.
Rülps, würg, kotz!
Was sich dort an Dreck und Unflat ansammelt würde die beste Kläranlage nicht mehr wegschaffen. Der „Bürger von nebenan“ zeigt sein wahres Gesicht.
Von wegen „wahres Gesicht“. Er zeigt vielleicht seinen wahren Charakter, verhüllt allerdings seine wahre Identität hinter burrli7, penis21 oder barbarella69.
Was sich der halbwegs sozialisierte Mensch öffentlich nicht im Ansatz zu sagen traut, das klopft er nun tapfer in die Tasten seines Heimcomputers.
Natürlich fragt man sich zuerst einmal, warum beispielsweise der ORF – immerhin ein staatliches Institut mit „Bildungsauftrag“ – seine Homepage dafür hergibt, dass sich die übelsten Proleten ungebremst auskotzen können, teilweise bis zum psychopathischen Persönlichkeitsbild.
„Oh wie gut dass niemand weiß, dass ich gstörter Burli heiß!“
Der gute Brauch, aus dem Dunkeln zu schießen, setzt sich praktisch im gesamten Internet fort.
Kürzlich lese ich Kommentare zu einem sehr gut gemachten kostenlosen Info-Portal.
Die positiven, konstruktiven Beurteilungen stammen ausnahmslos von Leuten, die sich mit ihrem echten Namen zu erkennen geben, sämtlicher Unflat ergießt sich aus anonymen Quellen. Die meisten der Dunkelmänner und Dunkelfrauen schleimen nicht nur unsachlich und ungerecht, sondern regelrecht krank daher.
Wohl mit dem Gedanken: „irgendwas wird schon hängen bleiben“.

Dietmar Dworschak

Montag, 7. Mai 2012

Junganwälte wachen auf


Als vor vier Jahren in Wien erstmals ein „Junganwältetag“ veranstaltet wurde mussten die Organisatoren die wenigen Interessenten praktisch persönlich zum Tagungsort geleiten.
Fragen der Betriebswirtschaft in einer Anwaltskanzlei oder die Notwendigkeit einer strategischen Positionierung trafen noch auf unversöhnliches Unverständnis.
In der Zwischenzeit beginnt sich der Wind zu drehen.
Beim nunmehr vierten Junganwältetag am 3. Mai im Wiener Raiffeisenforum erfreuten sich speziell die Gesprächstische „Strategie“ (Dr. Markus Fellner, Dr. Stefan Prochaska) und „Wirtschaftliche Planung und Führung einer Kanzlei“ (Dr. Christian Ohswald, Peter Hief) starker Frequenz.
Auch am „Marketing“-Tisch (Dr. Maria Hoffelner, Dr. Laszlo Jakabffy, Dietmar Dworschak) wurde deutlich, wie wenig Hilfe die klassische anwaltliche Ausbildung für Fragen der Kanzlei-Positionierung und der aktiven Vermarktung anwaltlicher Leistung anbietet.
Neben der teilweise frustrierenden Erkenntnis fehlender strategischer und betriebswirtschaftlicher Grundlagen steht als Eindruck des vierten Junganwältetages der Eindruck zarter Aufbruchsbereitschaft.
Besonders die zahlreich erschienenen Junganwältinnen (!) zeigten starkes Diskussionsengagement in Sachen „Positionierung am Markt“. Zwar dominiert bei dieser Nachwuchsgruppe noch immer das klassische Berufsbild der „Familienrechtlerin“, doch war den Gesprächen zu entnehmen, dass auch hier Wandel in andere, „untypische“ Rechtsbereiche ansteht.
Erstaunlich bleiben auch im Jahr vier des Wiener Junganwältetages Grundsatz-Diskussionen zum Marketing. Auf die Frage, ob ein Anwalt überhaupt eine Homepage bzw. werbliche Maßnahmen brauche verwiesen die drei eingeladenen Experten auf Erfolgsbeispiele quer durch alle Kanzleidimensionen.
Im schärfer werdenden Wettbewerb darauf zu vertrauen, dass man schon irgendwann von irgendwem empfohlen werde sei eine gefährlich situationsfremde Haltung, war man sich am „Marketing“-Tisch einig.
www.ra-kanzleimarketing.at

Dietmar Dworschak 

Donnerstag, 26. April 2012

Ärzte auf Angriff

Im heutigen „Standard“ (Seite 5) gibt die Wiener Ärztekammer Vollgas. Auf einer „bezahlten Anzeige“ sieht man drei Ortstafeln: Bad Eurofighter am großen Desaster, Skylink an der Pleite sowie – durchgestrichen – St.ELGA im Kosten-Gau. Überschrift: Bekannte Schauplätze politischer Steuerverschwendung. Dazu ein Erklärungstext: „Trotz einer schwer fehlerhaften Kostenrechnung will der Gesundheitsminister die Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) verpflichtend einführen. Experten rechnen mit Kosten bis zu 1,8 Milliarden Euro. Geld, das in der Gesundheitsversorgung fehlen wird.“ Dass hier mit schwerem Gerät angegriffen wird, tut richtig gut. Die Behäbigkeit der Wahrheitssuche gerade zu den Themen Eurofighter und Skylink hat längst schon zu Gleichgültigkeit und Schulterzucken beim Steuerbürger geführt.  Die alten Skandalleichen der Republik auf diese Weise wieder ans Licht zu zerren ist nicht nur gut und wichtig, sondern zeigt auch einen neuen Mut der werblichen Kommunikation. Speziell die Wiener Ärztekammer fällt damit seit einiger Zeit markant auf.  Sie wehrt sich vehement gegen Medizinen und Kuren, die ihr von politischer Seite „verschrieben“ werden. Man möchte auch den Standesvertretungen anderer Berufe ähnlich offene Worte und ähnlich große Kommunikationsbudgets wünschen.

Dietmar Dworschak

Mittwoch, 25. April 2012

Sport und Mord


Gerade im Sport begegnet man oft echter Betroffenheit.
Barcelona-Fans haben z.B. heute einen schlechten Tag, weil Chelsea gestern gewann und das Champions-League-Finale woanders stattfindet.
Sehr betroffen schaute auch Sebastian Vettel in Bahrein drein, nachdem er gewonnen hatte. Betroffen allerdings nicht darüber, dass ein Demonstrant erschossen worden war, sondern betroffen von der Angst, den Mechanikern könnte beim Zusammenräumen noch etwas zustoßen.
Naiv oder abgebrüht?
In der Ukraine ist die frühere Regierungschefin Timoschenko in den Hungerstreik getreten, um gegen den absurden Schauprozess zu demonstrieren, der sie für sieben Jahre hinter Gitter gebracht und einer dringend notwendigen medizinischen Behandlung entzogen hat.
Während sie – wie Mediziner bestätigen – in Richtung Lebensgefahr taumelt, poliert der amtierende Staatsdiktator die Reklameschilder für die Fußball-Europameisterschaft und freut sich drauf, ein gemütlicher Gastgeber zu werden. Herzlich willkommen beim Enkel von Stalin!
Die Sportfunktionäre (z.B. Platini) melden unisono: Dafür sind wir nicht zuständig.
Unser Job ist die Völkerverständigung! Wir machen keine Politik!
Naiv oder abgebrüht?
In beiden Fällen geht es um derart gewaltige Berge von Geld, dass die Profiteure und deren Marionetten ihr schlechtes Gewissen locker im Griff haben.  

Dietmar Dworschak

Dienstag, 24. April 2012

„Generation alles gratis“


Nach der „Generation Golf“ kommt ein neuer, erschreckender Jahrgang auf den Weltmarkt: die „Generation alles gratis“.
Die Speerspitze der unheimlichen Brüder und Schwestern sind die „Piraten“.
Angesichts ihrer grausam inhaltsleeren Auftritte und ihrer absurden Forderungen könnte man zum nächsten Thema übergehen und sagen: es lohnt sich nicht.
Doch wenn man sieht, welche Zustimmung  diese Leute praktisch ohne jedes Programm nur dafür bekommen, dass im Internet alles frei (=gratis) sein muss, wird’s schon problematisch.
Es mag eine Frage des Alters sein.
Wenn jemand zwischen 20 und 30 Jahre alt ist wurde er tatsächlich in eine Gratiswelt hineingeboren: Handy gratis, 1000 Freiminuten und SMS, Erosion der Tarife.
Dazu: Alles gratis im Internet. Bilder downloaden ohne Zahlen, eh klar. Musik und Filme absaugen, selbstverständlich!
Zahlen? Nein danke!
Dass hinter jedem Foto, hinter jedem Text, hinter jedem Lied, hinter jedem Film unter Umständen Arbeit steckt, die irgendjemand bezahlen sollte, wird einfach weggeblendet bzw. ignoriert.
Urheberrechte? Nie gehört!
Die Internet-Nutzer als weltumspannende Wohngemeinschaft: Was im Kühlschrank ist, gehört allen. Wer’s gekauft (in diesem Fall: hergestellt) hat, ist uns wurscht.
Doch langsam beginnt das große Staunen.
Die ersten Programmierer (Kino-Raubportal) wandern ins Gefängnis, der junge Holodrio-Webdesigner bekommt von einer Anwaltskanzlei die Rechnung für verletztes Urheberrecht.
Wie die deutsche Gerichtsentscheidung in Sachen Musikverwendung auf Youtube zeigt,
beginnen für die Rechtsignoranten der „Generation gratis“ ungemütlichere Zeiten.
Wer sein Augenrollen und Nasenhaare-Zupfen künftig per Video ins Netz stellt, wird zum Beispiel darauf verzichten müssen, die Melodie von „Doktor Schiwago“ zu unterlegen.
Das ist, da gebe ich den „Piraten“ recht, schon ein ziemlicher Eingriff in die Entwicklungsperspektiven der Menschheit. 

Dietmar Dworschak